Medien in Zeiten von Corona

In einer ganzseitigen Abhandlung beschäftigt sich die regionale „Badische Zeitung“ (BZ) vom 2. Juli mit dem Autokorso in Freiburg. Aufhänger ist dieses mal die Telegram-Gruppe des Autokorso („das Leak“). Die Artikel führen die konsequent negative Berichterstattung fort, welche das Blatt seit Beginn der Proteste in Freiburg zu dieser Veranstaltung betreibt.

Quelle: Badische Zeitung (BZ)

Die Artikel werden hier zur Analyse gestellt, um exemplarisch die Techniken für Manipulation in den Medien aufzuzeigen. Relevante Auszüge aus der Telegram-Gruppe, auf welche die Artikel direkten Bezug nehmen, werden hier zitiert – aber im Gegensatz zur BZ im Kontext und ohne „Haltung“. Dies erfolgt mit der freundlichen Einladung an den Leser sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Presse

Der Artikel nimmt im Abschnitt „Presse“ Bezug auf die Medienkritik, die in der Telegram-Gruppe thematisiert wird.

Kritisiert wird in der Telegram-Gruppe insbesondere der sog. „Haltungsjournalismus“. Beim Haltungsjournalismus wird nicht länger eine rein sachliche (d.h. möglichst neutrale) Perspektive bei der Berichterstattung eingenommen, sondern eine Bewertung des Geschehenen vorgenommen. Dies erfolgt zumeist kongruent zur politischen Verortung des Autors. Das Geschehene, über das berichtet werden soll, wird dann verwoben mit dieser Bewertung bzw. der „Haltung“ des Autors an den Leser transportiert – daher auch der Name „Haltungsjournalismus“. Gewissermaßen soll der Leser nicht primär informiert werden (und sich selbst eine eigene Meinung bilden), sondern er soll nach der Lektüre vor allem „das Richtige“ denken – idealerweise also genau die gleiche Meinung haben wie der Autor selbst. Dieses Ziel wird meist mehr oder weniger subtil über verschiedene Techniken erreicht.

Meinung statt Nachricht: Haltungsjournalismus in Aktion

Haltungsjournalisten und Propagandisten bedienen sich in der Regel der gleichen medialen Techniken. Der Unterschied zwischen ihnen besteht vor allem darin, dass Propagandisten die Haltung einer übergeordneten Entität verbreiten (z.B. eines Staates), während Haltungsjournalisten die eigene Haltung verbreiten wollen. Propagandisten müssen daher nicht notwendigerweise von der selbst verbreiteten Haltung überzeugt sein – bei Haltungsjournalisten ist die eigene Überzeugung hingegen die Regel.

In der Telegram-Gruppe wurde eine Beschwerde an die Redaktion der BZ über die Berichterstattung geteilt, auf die viele Mitglieder mit Nachrichten reagierten. Dies ist der Ausgangspunkt der Analyse:

Aus den Reaktionen in der Telegram-Gruppe auf diese Nachricht zitiert der Autor der BZ im Artikel dann auszugsweise: Der „Chef der BZ […] dürfte […] wohl nicht nur einmal zu Merkel zitiert worden sein“.

 

Verschwörungsmythen

Im Abschnitt „Verschwörungsmythen“ bedient sich der Autor gleich mit der Überschrift aus dem Werkzeugkasten des Haltungsjournalismus. Das ohnehin negativ konnotierte Wort „Verschwörung“ (in der Wahrnehmung eines Lesers eine leicht depperte oder wahnhafte Einbildung) wird über Kombination mit dem Wort „Mythos“ um die Bewertung des Autors ergänzt: Die Bewertung der Thematik als „Mythos“ versichert dem Leser, dass es sich dabei um Unsinn handelt und daher weiteres Nachdenken überflüssig sei.

Verschwörungstheoretische Inhalte erkennt der Autor in Diskussionen über den „Great Reset“, laut dem „die Corona-Krise dazu dienen soll, eine totalitäre Einrichtung der Welt vorzubereiten“.

Der Begriff „Great Reset“ geht zurück auf die gleichnamige Agenda des Weltwirtschaftsforums (WEF) sowie das Buch des WEF-Organisators Klaus Schwab mit dem Titel „COVID-19: The Great Reset“ (ISBN-13: 978-2940631124). Bei der jährlichen Tagung des WEF treffen sich regelmäßig Regierungschefs, Wirtschaftsvorstände und Einflussträger aus Medien und Gesellschaft. Das 50. Jahrestreffen des WEF im Juni 2020 stand unter dem Leitspruch „The Great Reset“. Diskutiert wurde dort um nichts weniger als eine zukünftige Neugestaltung der Welt- und Wirtschaftsordnung (insbesondere die Transformation hin zu einem sog. „stakeholder capitalism„). Hierfür habe die „Corona-Krise“ die einmalige Gelegenheit bereitet.

Klaus Schwab beim World Economic Forum (WEF) 2020 zum Thema „The Great Reset“

Der Autor der BZ benennt kein konkretes Zitat zum „Great Reset“ und läßt auch den Begriff selbst im vagen stehen. Auch dies ist eine Technik der Manipulation, denn ohne eine eingehende eigene Recherche zur Thematik kann ein Leser nur die vorgeschlagene Bewertung des Autors („Verschwörungsmythos“) verinnerlichen. Dies funktioniert, da ein unbedarfter Leser dem Autor unterstellt, eine entsprechende Recherche selbst betrieben zu haben und einen neutralen Standpunkt zu vertreten.

An verschiedenen Stellen wird zum Thema „Great Reset“ in der Telegram-Gruppe diskutiert. Für das Verständnis soll ein beispielhaftes Zitat dienen:

Verbindungen nach Rechts

Eine klassische Manipulationstechnik des Haltungsjournalismus ist das Neuzuschneiden des Kontextes und falsches logisches Schlussfolgern.

So schreibt der Autor dass „KT immer wieder offensiv versucht, die Gruppe ideologisch näher zur AfD zu bringen“ und zitiert dazu das Mitglied (realer Kurzname „MM“) wie folgt: „Freiburg ist aber durch und durch links-grün versifft“.

Dieses Zitat stellte im Kontext die (offenkundig frustrierte) Reaktion auf die Nachricht dar, dass ein Autokorso in Villingen fast aus dem Stand mehr als 100 Fahrzeuge mobilisieren konnte, während es in Freiburg zu Beginn weit weniger waren – obgleich Freiburg ein Vielfaches an Einwohnern besitzt. Dieser Kontext, der keinen Bezug zur AfD hat, wird vom Autor aber verschwiegen.

Um dann dennoch einen Bezug zur AfD zu konstruieren, begeht der Autor dann (absichtlich oder unabsichtlich) einen logischen Fehlschluss: Die Ablehnung einer Sache, bedingt nicht notwendigerweise die Befürwortung einer Anderen. Nur weil jemand also keine Äpfel mag, kann daraus nicht geschlossen werden, dass er Bananen liebt.

Ob die entsprechende Parteienpräferenz der Freiburger in einem kausalen Zusammenhang mit der Stärke von Autokorsos steht, ist eine unbelegte Vermutung des Nutzers. Dass die Parteienpräferenz des Nutzers nicht ebenfalls im links/grünen Spektrum liegt, erscheint im Kontext als plausibel. Allerdings, dass der Nutzer daher ideologische Agitation in Richtung der AfD betreibe ist ein logischer Fehlschluss des Autors. Leicht überspitzt gesagt: Der Nutzer könnte überhaupt keine politische Zugehörigkeit verspüren, überzeugter Marxist sein, als Kassenwart bei der FDP tätig sein oder Reden für die Wiedereinführung der Monarchie auf Marktplätzen halten. Die Schlussfolgerung des Autors aus obigem Zitat ist logisch falsch und persönliche Spekulation.

Gewalt

Die Wahl einer Überschrift ist die erste Wahrnehmung im Kopf eines Lesers und prägt ihn bezüglich der zu erwartenden Inhalte im Artikel vor. So kann nur die Überschrift schon eine entsprechende Assoziation im Kopf hervorrufen, auch wenn der Text des Artikels gar keine zur Überschrift passenden Sachverhalte beschreibt. Entsprechend beliebt ist diese Form der Manipulation mit Überschriften.

Im konkreten Beispiel wählt der Autor zwar „Gewalt“ als Überschrift (also die physische Form eines Angriffs) beschreibt im Text allerdings gar keine solche: Zwei konkrete Zitate belegen eine Beleidigung und einen erkennbaren Scherz. Die Art und Weise dieser „Beweisführung“ wäre aber selbst bei passenden Sachverhalten ein gutes Beispiel für die Manipulation über die Technik „Kontaktschuld“ (englisch: „Guilt by Association“).

Die Technik „Kontaktschuld“ zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Artikel:

Quelle: Das Handbuch der öffentlichen Meinung; Agora Initiative

Um einer Gruppe an Personen zum Beispiel eine Affinität zu Gewalt zuzuschreiben, wird ein (vermeintliches) Beispiel für das Behauptete dargestellt und dann die so „belegte“ Eigenschaft des Individuums gedanklich auf die gesamte Gruppe übertragen (in diesem Fall über 200 Personen). Diese Übertragung muss nicht notwendigerweise explizit durch den Autor erfolgen: In der Regel erfolgt sie implizit nur im Kopf des Lesers.

Die gleiche Technik („Kontaktschuld“) wird auch im Abschnitt „Verbindungen nach Rechts“ genutzt. Ausgangspunkt ist die Partei AfD, die vom Autor als Rechts erkannt wird bzw. bei der eine entsprechende Assoziation im Kopf des Lesers bereits vorhanden ist. Es genügt dann ein Mitglied aus der Gruppe zu finden, welchem eine Nähe zur AfD zugeschrieben werden kann, um gedanklich per „Kontaktschuld“ der ganzen Gruppe „Verbindungen nach Rechts“ anzulasten. Bemerkenswert ist, dass die Technik der Kontaktschuld hierbei sogar mehrfach in Serie angewandt wird.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Technik „Framing“. Hierbei wird ein Begriff (quasi wie ein Bild in einem Rahmen) in eine gewünschte Szenerie gehängt um so als Teil von dieser zu erscheinen. Dies erfolgte in den letzten Jahren hauptsächlich bezüglich der Begriffe „rechts“ und „links“ im Sinne des politischen Spektrums.

So gilt heute bei vielen Lesern politisch „links“ als „gut“ und politisch „rechts“ als „böse“ (oder sogar äquivalent zu rechtsextrem). Ohne ein solches „Framing“ könnte eine Überschrift „Verbindungen nach Rechts“ gar keine negativen Assoziationen wecken. Das politische Spektrum von einer gedachten Mitte heraus in links und rechts aufzuteilen, war allerdings schon seit jeher manipulativ und mit Vorsicht zu genießen: Vor allem die großen Parteien konkurrieren um die eigene Positionierung in „der Mitte“. Das klassische Kalkül dahinter: Das Gros der Wählerschaft möchte sich selbst gerne „mittig“ verortet sehen, quasi als Teil der gedachten großen Mehrheit, die zu möglichen Extremen von Minderheiten linker oder rechter Seite maximal mögliche Distanz besitzt.

Wird das friedlich enden?

Im konkreten Artikel werden gleich mehrere mediale Techniken zur Diskreditierung genutzt.

Alle Überschriften enthalten eng mit Gewalt assoziierte Begriffe („Wird das friedlich enden?“ und „Die Sprache in der Gruppe ist sehr aggressiv“). Zwar wird im Text der Gewaltvorwurf gar nicht substanziiert, aber dies ist für die erfolgreiche Manipulation auch nicht erforderlich. Es genügt die Verwendung der Begriffe, um im Kopf des Lesers ein entsprechendes Bild entstehen zu lassen. Derartige „subtile Hetze“ züchtet selbst Aggression in den Köpfen der Leser, die dann mit Rebscheren bewaffnet vermeintlich aggressive Rechte in ihren Autos attackieren.

Die wichtigste Manipulationstechnik ist aber das sog. „Agenda Setting“. Dies ist die Auswahl über welche Themen berichtet wird und über welche nicht. Dadurch läßt sich steuern, welche Wahrnehmung bei einem Leser entstehen soll. Möchte man eine Gruppe in positivem Licht erscheinen lassen, wählt man Nachrichten aus, welche dies zu stützen scheinen (und ignoriert alles andere). Und auch anders herum, möchte man eine Gruppe in negativem Licht erscheinen lassen, wählt man nur Nachrichten aus, welche dies zu stützen scheinen und ignoriert den Rest.

Quelle: Das Handbuch der öffentlichen Meinung; Agora Initiative

Im konkreten Beispiel besitzt die Telegram-Gruppe weit über 1000 Nachrichten, die inhaltlich eine enorme Bandbreite an Themen abdecken. Um jedoch die Kritiker als gewaltbereit und aggressiv zu brandmarken, können natürlich nur solche Teile verwertet werden, welche bei diesem Unterfangen irgendwie nützlich erscheinen. Insofern wird der Wahrnehmungshorizont des Lesers, der die Telegram-Gruppe selbst ja nicht kennt und nicht persönlich durchlesen kann, durch die Auswahl der Nachrichten (also durch das „Agenda Setting“), derart verengt, dass mit den ausgewählten Nachrichten das gewünschte Bild im Kopf des Lesers erzeugt werden kann.