Die „Akte Twitter“: Die Sperrung von Trump

Wir übersetzen den dritten Teil der „Akte Twitter“ anhand der Original-Quellen. Der dritte Teil beschreibt die Ereignisse im Zeitraum von Oktober 2020 bis zum 6. Januar 2021. In diesen Zeitraum fällt die US-Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 zwischen Trump und Biden. Mit der „Akte Twitter“ werden natürlich nur die Ereignisse bei Twitter selbst aufgearbeitet. Man braucht allerdings wenig Fantasie um zu erahnen, dass sich bei anderen sozialen Netzwerken und den großen Medien ähnliches abgespielt haben wird.

Beginn der Übersetzung

Die Welt glaubt viel über die Ausschreitung am Capitol am 6. Januar 2021 und die Sperre von Präsident Trump auf Twitter am 8. Januar 2021 zu wissen. Wir zeigen was nicht öffentlich wurde: Der Zusammenbruch der Standards im Unternehmen in den Monaten vor dem 6. Januar 2021, die Entscheidungen hochrangiger Führungskräfte ihre eigenen Richtlinien zu verletzen, und den nachweisbaren Austausch mit Bundesbehörden hinter den Kulissen.

Dieser erste Teil beschreibt den Zeitraum vor der Wahl bis zum 6. Januar 2021.

Wie auch immer man zur Entscheidung Trump an diesem Tag zu sperren steht, die interne Kommunikation auf Twitter zwischen dem 6. und 8. Januar 2021 hat eindeutig historische Bedeutung. Sogar die Mitarbeiter von Twitter verstanden, dass dieser Moment ein Meilenstein in der Geschichte markierte.

[„Ist dies das erste amtierende Staatsoberhaupt dass gesperrt wird?“]

Unmittelbar nachdem Trump gesperrt wurde, begannen Führungskräfte bei Twitter damit, weitere Macht an sich zu ziehen. Sie bereiteten künftige Sperren von US-Präsidenten und Offizieller des White House vor – vielleicht sogar von Joe Biden. Die „neue Regierung“, sagte einer der Führungskräfte, „wird von Twitter nicht gesperrt, außer wenn dies absolut notwendig ist“.

[„Für den Fall, dass ein anderer Account genutzt wird um die Sperre zu umgehen, wird dieser ebenfalls gesperrt, so wie es in unseren Richtlinien beschrieben ist. Accounts der Regierung, wie @POTUS und @WhiteHouse, werden wir nicht sperren, aber Maßnahmen ergreifen, um ihre Verwendung einzuschränken. Allerdings, diese Accounts werden zu gegebener Zeit an die neue Regierung übergeben und von Twitter nicht gesperrt, außer wenn dies absolut notwendig ist, um wirklichen Schaden zu verhindern.“]

Die Führungskräfte bei Twitter sperrten Trump zum Teil wegen dem, was eine Führungskraft „kontextbezogen“ nannte: Handlungen von Trump und seinen Unterstützern „im Laufe der Wahl“ und auch in den vorherigen 4 Jahren. Sie machten sich ein umfassendes Bild. Aber dieser Ansatz kann nach hinten losgehen.

[„Hallo Vijaya, ich arbeite mit meinem Team daran, für dich ein Dokument zusammenzustellen, welches den Stand der Forschung zu Donald Trumps Sprache beschreibt (in unserem Haus, Akademiker mit denen wir zusammenarbeiten, usw.) und wie sie zu weiterer Gewalt anstachelt.“

„In der Zwischenzeit ist dies unsere Einschätzung: Die Entscheidung, ob dieser bestimmte Tweet herangezogen werden sollte [um Trump zu sperren] oder ob er der letzte Strohhalm für Trump sein soll, hängt von vielen Faktoren ab:

1) Der Gesamtkontext und das Narrativ in welchem sich dieser Tweet bewegt. Wir analysieren und bewerten aktuell Tweets einzeln, was den Gesamtkontext nicht angemessen berücksichtigt. Als Beispiel kann man sich vorstellen, jemand schreit „Feuer!“ in einem vollen Theater. Entscheidend ist der Gesamtkontext und das Narrativ, dass Trump und seine Freunde im Laufe der Wahl verfolgt haben, und offen gesagt, auch die vorherigen 4 Jahren müssen berücksichtigt werden, wenn wir diesen Tweet analysieren und interpretieren.

2) Die größere Frage dreht sich um den moralischen Anspruch und die Entscheidung als Unternehmen, welche Stimmung bei den Nutzern durch diesen ersten Punkt nicht entstehen darf. Und ich glaube, dass dieser Tweet in der Tat unsere Richtlinien verletzt, wenn man den Kontext und das aktuelle Klima bewertet.“]

Der Großteil der internen Debatte, welche zur Sperrung von Trump führte, fand in diesen 3 Tagen im Januar statt. Allerdings, der geistige Grundstein dafür wurde in den Monaten vor den Unruhen am Capitol geschaffen. Die Moderation bei Twitter vor dem 6. Januar war eine spezielle Mischung aus automatisierten und Regel-basierten Verfahren und dem eher subjektiven Eingreifen hochrangiger Führungskräfte. Wie @BariWeiss berichtete, hatte das Unternehmen eine reiche Auswahl an Werkzeugen, um die Sichtbarkeit von Inhalten zu kontrollieren – und praktisch alle wurden in der Zeit vor dem 6. Januar gegen Trump (und andere) eingesetzt.

Als die Wahlen näher rückten, begannen hochrangige Führungskräfte mit diesen Regeln zu hadern und statt dessen von „Verstößen“ [„vios“] zu sprechen, was als Vorwand für jene Dinge diente, die sie wahrscheinlich in jedem Fall getan hätten – vielleicht unter dem Druck von Bundesbehörden, mit denen sie sich im Laufe der Zeit zunehmend häufiger austauschten.

Nach dem 6. Januar zeigten sich Führungskräfte von den neuen engen Beziehungen zu den Bundesbehörden begeistert wie interne Aufzeichnungen belegen. Zum Beispiel beklagte sich Yoel Roth (Leiter „Trust and Safety“) in ironischem Stil, dass es keine ausreichend unaussagekräftigen Kalendereinträge gab, um seine „sehr interessanten“ Gesprächspartner zu verbergen [gemeint waren Beamte des FBI].

[„Ich bin ein großer Freund von transparenten Kalendern. Aber ich hatte einen gewissen Punkt erreicht, an dem meine Treffen sehr interessant für die Leute wurden und es gab nicht ausreichend unaussagekräftige Kalendereinträge, um das zu verbergen. […] Ein sehr langweiliges Geschäftstreffen, in dem es definitiv nicht um Trump geht [Smiley] – so ungefähr – und ganz sicher kein Meeting mit dem FBI das schwöre ich dir“]

Die ersten Berichte basieren auf der Suche nach Dokumenten, die mit bekannten Führungskräften in Verbindung stehen und deren Namen bereits öffentlich sind. Dazu gehören Roth, die frühere Leiterin „Trust and Policy“ Vijaya Gadde und der kürzlich entlassene Deputy General Counsel (und früherer Top-FBI-Anwalt) Jim Baker. Einer der Chat-Kanäle bietet eine einzigartige Sicht auf die Denkweise, welche hochrangige Führungskräfte im späten Jahr 2020 und Anfang 2021 entwickelten.

Am 8. Oktober 2020 eröffneten Führungskräfte einen Chat namens „us2020_xfn_enforcement“. Bis zum 6. Januar war dies der Ort für Diskussionen zur Moderation der US-Präsidentschaftswahl, vor allem solche welche „hochkarätige“ Accounts betrafen (genannt „VITs“ bzw. „Very Important Tweeters“).

Es gab einige Unterschiede zwischen „Safety Operations“ – einer größeren Abteilung, deren Angestellte einen stärker regelbasierten Ansatz verfolgten für Probleme wie Pornographie, Betrug und Bedrohungen – und dem kleineren aber mächtigeren Zirkel von hochrangigen Führungskräften wie Roth und Gadde. Letztere waren der schnelle „Oberste Gerichtshof“ der Moderation, der spontan Regeln aufstellte, oft innerhalb von Minuten und basierend auf Mutmaßungen, dem Bauchgefühl und sogar der Google-Suche, selbst in Fällen den US-Präsidenten betreffend.

Während dieser Zeit standen die Führungskräfte in Kontakt mit Bundesbehörden und Geheimdiensten, um die Moderation von wahlrelevanten Inhalten abzustimmen. Die Analyse der „Akte Twitter“ steht zwar noch am Anfang, aber praktisch täglich finden sich neue Details dieser Verbindungen. So wurde Nick Pickles („Leiter Policy“) gefragt, ob die Behauptung in Ordnung sei, dass man auf „Fehlinformationen“ mit Hilfe von maschinellem Lernen, manueller Sichtung und Zusammenarbeit mit externen Fachleuten prüfe. Der Angestellte fügte hinzu „Mir ist klar, dass dies heikel ist und ich bin mir daher nicht sicher, ob du dafür öffentlich den Kopf hinhalten willst“. Pickles fragte gleich nach, ob sie nur „Partner“ sagen könnten. Und fügte nach einer Pause hinzu „zum Beispiel bin ich mir nicht sicher, ob wir FBI und DHS als Fachleute bezeichnen können“.

Folgende Nachricht zur Story über Hunter Bidens Laptop zeigt, dass Roth sich nicht nur wöchentlich mit FBI und DHS traf, sondern auch mit der Führung des DNI. Der schmerzerfüllte Ton von Roths Bericht an das FBI/DHS/DNI ist fast schon eine Komödie: „Wir haben die New York Post Story zensiert, dann die Zensur aufgehoben (aber das Gegenteil behauptet)… die Kommunikations-Abteilung ist sauer, Reporter denken wir sind Idioten… kurz gesagt, ich sitze in der Scheiße“.

Einige von Roths späteren Nachrichten zeigen, dass die wöchentlichen Sitzungen getrennte Treffen mit den Bundesbehörden waren. Im folgendem Ausschnitt sagte er Treffen sowohl mit FBI als auch DHS ab, da er sich um eine Sache mit dem „Aspen Institute“ kümmern und ein Telefonat mit Apple führen müsse.

Im folgenden Fall meldete das FBI zwei Tweets, wobei der zweite den Republikaner und ehemaligen Stadtrat von Tippecanoe County in Indiana @JohnBasham betraf, der darin behauptete, dass „zwischen 2 und 25% der Briefwahlstimmen wegen Fehlern abgelehnt werden“.

Der vom FBI gemeldete Tweet kursierte danach im internen Chat zur US-Präsidentschaftswahl. Twitter zitierte „Politifact“ [einen „Faktenchecker“] um zu behaupten, dass der erste Tweet „sicher falsch sei“ und stellte für den Zweiten fest, dass dieser zuvor bereits in mehreren Fällen kein Grund zur Beanstandung gewesen war.

Die Gruppe entschied den Hinweis „Finde heraus warum die Wahlen sicher sind“ an diesen Tweet anzuheften, da ein Kommentar befand „es ist völlig normal eine 2% Fehlerquote zu haben“. Roth gab sein Einverständnis zu diesem Vorgehen, das durch Initiative des FBI auf den Weg gebracht worden war.

Bei der Untersuchung des gesamten Chats wurde kein einziger Hinweis auf eine Anfrage der Trump-Kampagne gefunden – auch nicht durch das White House oder durch Republikaner ganz allgemein – trotz gründlicher Suche. Es könnte derartiges schon existieren wie uns gesagt wurde, allerdings, dort findet es sich nicht.

Ende der Übersetzung

In diesem Teil der „Akte Twitter“ wird unter anderem die Verzahnung mit den Geheimdiensten offenbar. Diese scheinen ein wundersames „Eigenleben“ zu besitzen, da eine Weisung der Regierung Trump (zum Nachteil des amtierenden Präsidenten selbst) wohl ausgeschlossen werden kann. Der Begriff „Deep State“ ist eine geläufige Bezeichnung für einen derartigen „Staat im Staat“. Es scheint, dass man sich diesen Begriff für die kommenden Kapitel der „Akte Twitter“ noch gut merken muss.