Die „Akte Twitter“: Schwarze Listen

Bei Twitter hat die Aufarbeitung der Corona-Zeit begonnen. Möglich wurde dies nach der Übernahme des sozialen Netzwerks durch Elon Musk. Die „Akte Twitter“ zeigt, wie das soziale Netzwerk mit offener Zensur und subtilen Techniken den öffentlichen Diskurs manipulierte, politische Meinungen unterdrückte und die Redefreiheit bekämpfte. Den ersten Teil der „Akte Twitter“ haben wir für deutschsprachiges Publikum bereits übersetzt. Auch den zweiten Teil der „Akte Twitter“ übersetzen wir hier anhand der Original-Quelle:

Beginn der Übersetzung

Eine neue Recherche in der Reihe „Akte Twitter“ offenbart, wie Teams von Angestellten bei Twitter schwarze Listen erstellten, misliebige Tweets aus den Trends fernhielten und aktiv die Sichtbarkeit ganzer Twitter-Accounts beschränkten – alles im Geheimen und ohne das Wissen der Nutzer.

Twitter hatte einst die Vision, jedem zu ermöglichen, Ideen und Informationen augenblicklich und ohne Schranken zu teilen. Im Laufe der Zeit allerdings wurden solche Schranken aufgebaut.

Beispielsweise behauptete Dr. Jay Bhattacharya (Professor für Medizin in Stanford), dass Corona-Lockdowns den Kindern schaden würden. Twitter setzte ihn im Verborgenen auf eine schwarze Liste („Trends Blacklist“), die seine Tweets aus den Trends fernhielt. Der populäre rechts-konservative Talkshow-Master Dan Bongino, wurde einfach irgendwann aus den Suchergebnissen geschmissen („Search Blacklist“). Twitter unterdrückte auch die Verbreitung des Twitter-Accounts des konservativen Charlie Kirk („Do Not Amplify“).

Twitter bestritt solche Dinge zu tun. Im Jahr 2018, sagten Vijaya Gadde (damals Leiterin „Legal, Policy and Trust“) und Kayvon Beykpour (Leiter „Produkte“): „Wir betreiben kein Shadow Banning“. Und fügten dem hinzu: „Und wir betreiben ganz sicher kein Shadow Banning aufgrund politischer Ansichten und Überzeugungen“. Was viele Leute unter Shadow Banning verstehen, wird bei Twitter „Sichtbarkeitsfilterung“ [„Visibility Filtering“ – kurz „VF“] genannt. Das wird von mehreren hochrangigen Quellen so bestätigt.

Sichtbarkeitsfilterung unterdrückt die Sichtbarkeit auf verschiedenen Ebenen. „Es ist ein extrem mächtiges Werkzeug“ wie ein langjähriger Twitter-Angestellter sagte. Es kontrolliert die Sichtbarkeit für die Nutzer. Twitter nutzte das Werkzeug, um die Suche nach einzelnen Nutzern zu sperren, die Auffindbarkeit bestimmter Tweets einzuschränken oder um Beiträge ausgewählter Nutzer aus den Trends und der Hashtag-Suche auszuschließen. Alles das passierte ohne Wissen der Nutzer.

„Wir kontrollieren die Sichtbarkeit ziemlich stark. Und wir kontrollieren die Verbreitung der Inhalte recht genau. Und normale Leute wissen gar nicht wieviel wir eigentlich tun“, erzählte einer der Ingenieure bei Twitter. Zwei weitere Twitter-Mitarbeiter stimmten dem zu.

Die Gruppe „Strategic Response Team – Global Escalation Team“ (kurz SRT-GET) entschied, ob bestimmte Nutzer eingeschränkt wurden. Diese bearbeitete oft bis zu 200 „Fälle“ pro Tag. Neben diesen offiziellen Moderatoren, welche die Richtlinien des Unternehmens umsetzten, gab es noch eine übergeordnete Instanz: Die „Site Integrity Policy, Policy Escalation Support“ Gruppe auch bekannt als „SIP-PES“. Zu dieser geheimen Gruppe gehörten Vijaya Gadde (Leiter „Legal, Policy and Trust“), Yoel Roth (Leiter „Trust and Safety“) und im weiteren auch die CEOs Jack Dorsey und Parag Agrawal sowie andere. Auf dieser Ebene wurden die weitreichendsten und politisch heikelsten Entscheidungen getroffen. Für umstrittene Accounts mit hoher Anzahl Follower galten die offiziellen Prozesse nicht, sagte ein anderer Angestellter von Twitter.

@libsoftiktok ist ein Account, der bis auf dieses Niveau gewachsen war – er stand auf der „Trends Blacklist“ und war mit dem Hinweis markiert: „Nichts unternehmen ohne die Zustimmung von SIP-PES“. 

Der Account, der von Chaya Raichik im November 2020 begonnen wurde und aktuell über 1,4 Millionen Follower zählt, wurde nach Angaben von Raichik allein im Jahr 2022 sechs mal gesperrt. Jedes mal konnte Raichik bis zu einer Woche lang nichts posten. Twitter informierte Raichik wiederholt, dass ihre Sperrung wegen Verstoßes gegen die Richtlinie zu „Hassrede“ erfolgt war.

Aber nach ihrer siebten Sperre offenbarten die Verantwortlichen von SIP-PES im Oktober 2022 in einer internen Notiz, dass Raichik eigentlich nicht gegen diese Richtlinie verstoßen hatte. Die Verantwortlichen rechtfertigten die Sperren vielmehr durch die Behauptung, die Tweets von Raichik würden zu Schikane gegen Krankenhäuser und medizinische Dienstleister aufstacheln – so hätte sie beispielsweise angedeutet, dass Gender-Medizin Missbrauch von Kindern sei.

Im Vergleich dazu steht die Reaktion als Raichik selbst Opfer von Schikane wurde. Im November 2022 wurde ein Foto von ihr zusammen mit ihrer Wohnanschrift veröffentlicht. Der entsprechende Tweet erhielt mehr als 10.000 Likes. Als Raichik Twitter darüber in Kenntnis setzte, dass ihre Wohnanschrift verbreitet würde, antwortete ihr der Support: „Wir haben den gemeldeten Inhalt untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dieser nicht gegen die Richtlinien verstößt“. Es passierte nichts. Der Tweet ist bis heute einsehbar.

In internen Nachrichten tauschten sich Twitter-Angestellte über technische Methoden zur Einschränkung der Sichtbarkeit von Tweets und Nachrichten aus. In einer direkten Nachricht an einen Kollegen schrieb Yoel Roth (Leiter „Trust and Safety“) Anfang 2021:

Sechs Tage später regte Roth, in einer Unterhaltung mit einem Angestellten in der Gruppe „Health, Misinformation, Privacy and Identity“ weitere Bemühungen zur Erweiterung der Sichtbarkeitsfilterung an. Um Richtlinienverstöße ohne Löschungen zu ahnden, sollten zum Beispiel neue Wege zur Beschränkung der Reichweite, zur Isolation und Sichtbarkeitsfilterung erforscht werden.

Roth schrieb: „Die Hypothese die all dem zu Grund liegt ist, wenn durch den Kontakt mit zum Beispiel Fehlinformation direkter Schaden entsteht, dann sollten wir Abhilfe schaffen und den Kontakt damit verringern – und die Verbreitung von Inhalten einzuschränken ist ein guter Weg dies zu tun“. Er fügte hinzu: „Wir haben Jack überzeugt dies […] in naher Zukunft umzusetzen, aber es sind größere Anstrengungen notwendig, um es in unseren Werkzeugkasten zu integrieren – insbesondere für andere Bereiche“.

Ende der Übersetzung

Wann werden andere soziale Netzwerke wie Facebook ihre Lösch- und Zensur-Praxis beenden?