Die Allee der Engel

Die Allee der Engel bezeichnet eine Gedenkstätte in Donezk, die unter anderem aus einer Steintafel mit den Namen der Kinder besteht, die seit Beginn des Konfliktes im Jahr 2014 getötet wurden. In den 8 Jahren fielen mindestens 152 Kinder im Donbass dem Konflikt zum Opfer. Dies ist eine unbequeme Aussage, die nicht ins mediale Bild des „guten Krieges“ auf westlicher Seite paßt. Dass dieser Konflikt im Jahr 2014 nach dem Putsch der demokratisch gewählten ukrainischen Regierung begann, wird gerne ausgeblendet. Am 6. April 2014 beschloss der Sicherheitsrat der Ukraine, unter Anwesenheit von CIA-Direktor John Brennan, den Beginn eines „Anti-Terroreinsatz“ im Donbass, als Reaktion auf den Versuch der Region sich nach dem Putsch von der Ukraine unabhängig zu erklären. Danach eskalierte der Disput zu einem bewaffneten Konflikt. Etwas überspitzt gesagt, beginnt der Konflikt nach dem derzeit gängigen „westlichen Narrativ“ im Jahr 2022 und aus heiterem Himmel, nachdem Putin verrückt geworden und russischen Truppen den Marschbefehl erteilte.

Gedenktafel der Allee der Engel

Natürlich hatte auch die Allee der Engel auf Wikipedia eine Seite. Im Laufe des Jahres 2022 wurde die Seite auf Wikipedia, sowohl in englischer als auch in deutscher Fassung kurzerhand gelöscht.

Wikipedia Seite zur „Allee der Engel“ vor ihrer Löschung

Die „freie Enzyklopädie“ ist was politische Themen betrifft alles andere als frei. Eine überschaubare Gruppe Administratoren hütet das politische Narrativ auf der Plattform. Das Projekt Wikihausen sammelt die inzwischen zahlreichen manipulativen Eingriffe auf Wikipedia – von Zensur bis hin zu Fällen von Desinformation und Verleumdungen. Eine zweistündige Dokumentation darüber ersetzt beinahe einen Krimi.

Der Löschung der Allee der Engel vorausgegangen war eine (lesenswerte) „Löschdiskussion“ auf Wikipedia. Angestoßen hatte die Diskussion, unter anderem der Benutzer „Matthiask de“. Das Denkmal existiere zwar, aber als Grund für eine Löschung des Artikels führte er Zweifel an der Neutralität an und fehlende „enzyklopädische Relevanz“, allerdings vermengt mit seiner persönlichen Meinung, dass „dieser ein paar Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine entstandene Artikel so nicht stehen bleiben kann“.

Die Dynamik der Diskussion erinnert an die „Akte Twitter“ wie man sie bzgl. der Sperrung von Trump studieren kann. Zunächst ergab sich eine Diskussion, ob Neutralität oder Relevanz als Löschgrund zu prüfen sei. Schnell stand aber „prorussische Propaganda“ im Raum. Laut dem Benutzer „ocd“ handele es sich bei dem Artikel um „prorussische Propaganda, um die Ukrainischen Truppen zu verunglimpfen“. Die Vorgeschichte des Konfliktes, also den Putsch der Regierung Janukowytsch im Jahr 2014, was im Donbass in einem Bürgerkrieg mündete, scheint er in Abrede zu stellen oder überhaupt nicht zu kennen, denn er fügt hinzu: „Ein Beleg erdreistet sich von einem Bürgerkrieg im Donbass zu berichten. Das ist Geschichtsklitterung par excellence“.

Man untersuchte, ob der Künstler, welcher die Steintafel fertigte, bereits „enzyklopädisch in Erscheinung getreten“ sei und gab zu bedenken, dass es gar keine Allee wäre, sondern mehrere Objekte „am Rande eines Parkplatzes“. Die Diskutanten fanden aber heraus, dass es sich um den „Lenin Komsomol Park“ handele.

Skulptur und Teil des Denkmals „Allee der Engel“

Im weiteren Verlauf erklärte „Ganescha“, das Denkmal stehe „unübersehbar und an prominenter Stelle“, jedoch sei der Artikel „ein abstoßendes, zynisches Stück Propaganda“. So enthalte der Artikel in der ukrainischen Version von Wikipedia eine (ukrainische) Quelle, die behaupte, russische Soldaten hätten die Kinder getötet, auch wenn man das „bei aller Sympathie für die Ukraine“ natürlich prüfen müsse. Dieser von „Ganescha“ verlinkte Artikel hat eine sehr spezielle Sichtweise als Begründung für diese Behauptung aufzubieten: Hielten nämlich die russischen Truppen Donezk und Luhansk nicht besetzt und wären einige der Eltern nicht in der Miliz der Aufständischen aktiv gewesen, würden ihre Kinder heute alle noch leben. Daher seien die Russen bzw. diese Eltern verantwortlich für den Tod der Kinder:

„Hinzu kommt, dass diese Kinder von den russischen Besatzungstruppen selbst getötet wurden. Schließlich sind ALLE Namen der Kinder, die auf dem Gedenkstein eingraviert sind, die Namen ukrainischer Kinder, die noch leben würden, wenn die Russen die Gebiete der Regionen Donezk und Luhansk nicht besetzt und den Krieg gegen die Ukraine nicht begonnen hätten. Einige dieser Kinder hatten Eltern aus der so genannten „Miliz“. Und hier müssen wir verstehen, dass diese Eltern durch ihre Entscheidung ihre eigenen Kinder zum Tode verurteilt haben.“ – deepl

An diesem Punkt schaltet sich der Initiator der Diskussion „Matthiask de“ wieder ein und zieht weitere Quellen in Frage: Nach „Entfernung der offensichtlich ungeeigneten Quellen“ blieben noch genau zwei Quellen übrig, aber diese gehörten in den „Gazprom-Dunstkreis“ und müßten daher „auch angezweifelt werden“. Benutzer „ZemanZorg“ scheint dem zuzustimmen: „Russenpropaganda ohne enzyklopädische Relevanz, Teil einer russischen Desinformationskampagne“.

Als einer der Wenigen, die sich gegen eine Löschung zu positionieren schienen, merkte der Benutzer „Kluibi“ im weiteren Verlauf an: „es ist halt schwierig, Quellen anzuführen, wenn alle, die aus Russland kommen, als Propaganda abgetan werden. Zu pluralistischem und kritischem Denken scheint offenbar nur der Westen fähig zu sein. Mit dieser Argumentation kann ich alles plattwalzen“. Dem entgegnete „ZemanZorg“, dass Putin „alle freie Medien in Russland ausradiert“ habe.

 
Literatur und Quellen: Stand Februar 2022 (links) vs. Stand Oktober 2022 (rechts)

Die Historie des Wikipedia-Artikels begründet den Verdacht auf ein planmäßiges Vorgehen den Artikel durch Löschen von Quellen gewissermaßen „sturmreif“ zu schießen. Ausgehend von seiner ursprünglichen Fassung, wurden aus dem Artikel sukzessive Quellen gelöscht, um über der letzten noch vorhandenen Version sogar einen Warnhinweis einzublenden, der Artikel sei nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet. Offenbar um zu verhindern, dass nicht zufällig doch noch jemand schwer zu diskreditierende Quellen beibringen würde, wurde auch die Wiederanlage des Artikels nach seiner Löschung gesperrt:

Auch in der „Löschdiskussion“ scheint das Entfernen von Quellen aus dem Artikel aufgefallen zu sein. So schreibt der Benutzer „Inquisitor“: „Der Artikel wurde im Laufe der letzten Monate konsequent verschlimmbessert – politisierte Sätze und Wendungen hinzugefügt, wichtige Quellen (z.B. Tweet UNICEF Ukraine) entfernt. Das Denkmal-Thema ist oft politisiert, aber es soll sich nicht unbedingt auf Wikipedia ausdehnen. Also meine Meinung: Inhalt verbessern und die Seite gegen Vandalismus schützen“.

Dem widersprach erneut „Matthiask de“, der Tweet von Unicef sei nicht relevant, dieser sei „ein Vehikel, der dem Artikel Glaubwürdigkeit verschaffen soll“. Die Strategie dieses konkreten Benutzers in der Diskussion zu beobachten ist spannend. Nach seiner Überzeugung indiziert „Mangel an reputablen Quellen und Rezeption“ normalerweise Irrelevanz. Für ihn scheint diese Irrelevanz des Artikels aber von vorne herein als Ergebnis festzustehen. Um sie zu belegen, scheint seine Strategie darin zu bestehen, sämtliche Quellen sukzessive vom Tisch zu nehmen, d.h. diese entweder zu diskreditieren („Gazprom-Dunstkreis“) oder falls dies nicht möglich ist (wie im Beispiel Unicef), ein richtiges Ergebnis zu postulieren und den unpassenden Quellen gewissermaßen eine Art missbräuchlicher Verwendung vorzuwerfen.

Indem man alle unpassenden Quellen ausblendet und nur passende Quellen als glaubwürdig definiert, kann man beliebige Ergebnisse konstruieren. Dass dieses Vorgehen weniger wissenschaftlich als viel mehr propagandistisch ist, scheint auch einigen Benutzern in der Diskussion aufzufallen. So antwortet „Inquisitor“: „So kann man ziemlich alles in Frage stellen, einige Informationen aus […] wissenschaftlichen Quellen für Propaganda und unglaubwürdig erklären; andere, wenn auch aus [der] gelben Meduza-Zeitung, für glaubwürdig. Ihr macht Wikipedia zum Propaganda-Werkzeug!“

Auch der Benutzer „Kluibi“ äußerte sich kritisch: „Ja, und dann sollte man auch […] bereit sein, die Meinung der jeweils anderen Seite zu akzeptieren. Von dieser Bereitschaft ist hier nichts zu entdecken. Den „Propagandisten“ darf ich bei dieser Gelegenheit die Lektüre des Artikels Brutkastenlüge empfehlen.“

Die durchaus hitzige Diskussion zeigte ein geteiltes Stimmungsbild, am Ende aber schlug die Stunde der Administratoren. Dies beendete die Diskussion und führte zur Löschung des Artikels: „Nicht jedes Denkmal ist automatisch relevant. […] Die Diskussion hier hat keine Rezeption in relevanzstiftendem Maßstab aufgezeigt, daher kann ich keine Relevanz erkennen“. Ob dies das Ergebnis einer Art von demokratischem Votum war, ist nicht erkennbar – es scheint die persönliche Entscheidung der jeweiligen Administratoren zu sein.

Quelle: donbass-complains.com

Wer die getöteten Kinder im Donbass für relevant hält, muss sich jetzt also selbst auf die Suche begeben – bei Wikipedia ist dieser Teil des Krieges „irrelevant“ geworden.