Ein Kommentar zum Kommentar

Verschwörerische Ratten müssen in ihre Löcher zurückgeprügelt werden – zumindest wenn es nach einem Kommentar der Tagesschau geht. Auffällig häufig sind es öffentlich-rechtliche Medien, welche über sog. „Kommentare“ Hass schüren und öffentlich gegen unliebsame Gruppen hetzen.

Quelle: Tagesschau

Dem interessierten Beobachter stellt sich die Frage, welchem Zweck derartige „Hass-Kommentare“ dienen. Immerhin können die meist parteigebundenen Kommentatoren oft zur besten Sendezeit und vor laufender Kamera ihr scheinbar Inneres nach außen kehren und ein Millionen-Publikum mit ihren zweifelhaften Einlassungen beglücken. Eine Hypothese und sozusagen ein Kommentar zum Kommentar:

Gibt es Themen, über die man nicht offen und in alle denkbaren Richtungen diskutieren kann? Ja, die gibt es – und das seit Jahren. Dies schlägt sich auch immer wieder in Studien und Umfragen nieder. Zuletzt zeigte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Allensbach aus dem Jahr 2021, dass weniger als die Hälfte der Befragten noch glaubt ihre Meinung frei äußern zu können. Dies ist ein historischer Tiefstand. Themen, welche die Befragten für eine offene Diskussion als schwierig empfinden, sind beispielsweise Islam, Patriotismus und Feminismus. Zwischenzeitlich dürfte aber auch Corona und der Krieg in der Ukraine dazugekommen sein.

Quelle: Allensbach

Es gibt kein Gesetz, welches eine Diskussion über derartige „kritische“ Themen einschränken oder einen bestimmten Standpunkt unter Strafe stellen würde. Im Kern geht es also „nur“ um das Gefühl der Befragten, dass sie selbst eine Diskussion vermeiden sollten bzw. einen „geächteten“ Standpunkt bei diesen Themen nicht offen vertreten können. Es wirkt also eine Art der Selbstzensur. Es existieren mehrere Begriffe und Umschreibungen dafür. Ein bekannter Begriff ist der sog. „Meinungskorridor“. Innerhalb dieses Meinungskorridors werden Meinungen und Standpunkte als gesellschaftlich diskursfähig empfunden.

Wodurch bildet sich dieser Meinungskorridor? Wer auf den ersten Blick einfach die gesellschaftliche Mehrheit bzw. ein Stimmungsbild der Gesellschaft als Ursache vermutet, der könnte enttäuscht werden: Wie sonst könnten Mehrheiten in Umfragen ihre Meinungsfreiheit als eingeschränkt empfinden? Das sog. „gendern“ beispielsweise wird von einer klaren absoluten Mehrheit aller Befragten abgelehnt. Und bei den meisten „kritischen Themen“ fühlen sich immerhin relative Mehrheiten in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Quelle: Allensbach

Der Meinungskorridor ist kein reiner Zufall sondern auch das Ergebnis von Social Engineering. Mit verschiedenen medialen Mitteln kann die Akzeptanz oder auch die Tabuisierung von Standpunkten in der öffentlichen Debatte gesteuert werden. Mit dieser Überlegung kommt die Ausgangsfrage wieder in den Fokus: Wozu dienen „Kommentare“ im öffentlich-rechtlichen Programm? Kommentare sind eines der Mittel um den Meinungskorridor zu manipulieren. Ein Kommentator kann zum Beispiel ein Tabu brechen und damit einen Standpunkt in den Meinungskorridor verschieben, oder aber ein Tabu prägen und ein Standpunkt auf diese Weise aus dem Meinungskorridor verbannen.

Quelle: Tagesschau

Im Fall der „verschwörerischen Ratten“ zum Beispiel ruderte die Tagesschau letztlich zurück, aber der Satz war gefallen. Wer hätte gedacht, dass man andere Menschen als „verschwörerische Ratten“ sehen darf? Die Tagesschau legitimiert den Gedanken in den Köpfen der Medienkonsumenten und senkt die Hemmschwelle zu dessen Nachahmung. In diesem Fall ging es also um das Brechen eines Tabus bzw. die Ausweitung des Meinungskorridors – allerdings in eine wenig wünschenswerte Richtung: Der Radikalisierung der Sprache folgt nämlich meist die Radikalisierung des Denkens und Handelns.

Kommentare stellen auch eine Möglichkeit zur „Einordnung“ von Themen dar – etwas boshaft könnte man dazu auch „betreutes Denken“ sagen. Häufiger Gegenstand solcher Einordnungen ist die Pflege von Feindbildern. Ob Trump, Querdenker, Ungeimpfte, die AfD oder gar Putin: der Kommentator verrät was über das jeweils aktuelle Feindbild gedacht werden kann. Der Kommentator stellt den Gedanken vor, der Leser bzw. Zuschauer läßt ihn auf sich wirken. Idealerweise übernimmt der Medienkonsument den Gedanken einfach. Dies wird zwar nur bei besonderer Sympathie zum Kommentator Erfolg haben, aber es gibt noch eine viel subtilere Wirkung, die öfter Erfolg hat: Der Medienkonsument vermutet den vorgestellten Gedanken bei seinen Mitmenschen! Dies führt dann dazu, dass er sich im Alltag sicherer fühlt, einen gleichartigen Gedanken zu äußern und unsicherer dabei fühlt einen abweichenden Gedanken zu äußern.

Zum Stand der Meinungsfreiheit in Deutschland [mp4]
Hat der Kommentator beispielsweise seiner Wut auf Ungeimpfte freien Lauf gelassen, wird der Medienkonsument Fremden gegenüber, zum Beispiel beim Bäcker oder im Supermarkt, eher bereit sein einen gleichartigen Gedanken zu äußern. In umgekehrter Richtung sorgt es dafür, dass eine Sympathiebekundung für Ungeimpfte in dieser Situation zurückhaltender oder eher gar nicht mehr geäußert wird. Natürlich ändert dies nicht notwendigerweise die eigene Überzeugung des Medienkonsumenten: Es führt nur dazu, dass er nicht mehr bereit ist diese offen zu äußern. Es tritt damit genau das ein, was Allensbach bei ihrer Umfrage zur Meinungsfreiheit auch beobachten konnte: Die Befragten plagt das Gefühl bei manchen Themen ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können. Ursache dafür ist letztlich die subtile Manipulation durch Medien.