Wikipedia und die #TwitterFiles

Mit den #TwitterFiles bzw. der „Akte Twitter“ veröffentlichte Elon Musk interne Dokumente des sozialen Netzwerks, welche das Ausmaß der medialen Zensur unter Regie amerikanischer Bundesbehörden und Geheimdienste offenbaren. Deren Inhalt ist explosiv, da demnach auch andere soziale Netzwerke und bekannte Medien in der gleichen Weise durch die Geheimdienste beeinflusst werden. In deutschen Medien und der Politik findet diese Story praktisch nicht statt. Statt dessen bemüht man sich um die Diskreditierung der Person Musk und der Plattform Twitter. Interessant ist die Rezeption der „Akte Twitter“ auf Wikipedia, der „freien Enzyklopädie“. Bereits beim Artikel zur „Allee der Engel“ war zu beobachten, dass auch Wikipedia für US-Narrative und Propaganda instrumentalisiert und alles andere als frei ist.

Die #TwitterFiles und das Schweigen der Medien

Im deutschsprachigen Artikel auf Wikipedia zu Twitter gibt es, knapp einen Monat nach Veröffentlichung erster Dokumente, noch nicht einmal eine Erwähnung der Enthüllungen – mit Ausnahme einer scheinbar verwunderten Nachfrage dazu in der Diskussion des Artikels:

Im englischsprachigen Artikel auf Wikipedia zu Twitter, ist die folgende Passage der einzige Hinweis auf die Existenz der #TwitterFiles:

Interessant ist der letzte Satz, der in einem für eine Enzyklopädie unüblichen Stil gehalten ist. Anstatt sich mit dem Inhalt der #TwitterFiles zu befassen, wie man es von einer Enzyklopädie erwarten kann, wird berichtet, was angeblich über den Inhalt gedacht wird – verpackt in einem Links-Rechts-Schema. Statt dem eigentlichen Inhalt wird eine Meinung zu dem Inhalt präsentiert. Der geneigte Leser erkennt darin weniger eine politische Analyse, als vielmehr den Versuch die Meinung des Lesers zu manipulieren.

Interessant ist die Diskussion des Artikels. Auch in der englischen Fassung taucht die Frage auf, ob die Enthüllungen z.B. zur Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl dem Artikel hinzugefügt werden:

Diskussion zur Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl

Anfang Dezember schreibt ein Teilnehmer: „Es ist eine bedeutende Enthüllung, dass Demokraten und Offizielle aus dem Team von Biden mit Führungskräften von Twitter zusammengearbeitet haben, um die Wahlen im Jahr 2020 durch Zensur und Unterdrückung der Opposition auf der Plattform zu beeinflussen. Dies könnte sogar zu Strafen oder Gerichtsverfahren führen. Wir brauchen einen großen Abschnitt in diesem Artikel darüber“. Als Antwort schreibt „Noctis83“: „Wikipedia vertritt die Ansicht, dass nur Informationen aus ‚zuverlässigen Quellen‘ in einen Artikel aufgenommen werden können – CNN, MSNBC, Mother Jones usw. Wenn diese ‚zuverlässigen Quellen‘ beschließen, nichts darüber zu berichten, dann kann aus Sicht von Wikipedia auch nichts in den Artikel aufgenommen werden“.

Oder anders ausgedrückt: Fakt und Fiktion würden bei Wikipedia nicht am Inhalt einer Aussage bewertet, sondern danach, wer die Aussage aufstellt.

Journalisten sind keine „zuverlässige“ Quelle

Die Primärquelle im vorliegenden Fall muss Twitter selbst sein. Von dort gelangten die Informationen zur Auswertung an die freien Journalisten Matt Taibbi, Bari Weiss, David Zweig, Lee Fang und Michael Shellenberger. Zwangsläufig sind es deren Berichte und Dokumente, auf denen alle bisherigen Erkenntnisse beruhen. Für Außenstehende ist die Diskussion stellenweise heiter, denn glaubwürdig im Sinne der Wikipedia scheint das alles erst, sobald eine „zuverlässige“ Quelle darüber berichtet – in diesem Fall zwangsläufig aus zweiter Hand. Dieser Logik folgend wurde in der Diskussion klargestellt, dass mit einem Artikel der „CNN“ zumindest auch eine „zuverlässige“ Quelle existieren würde.

Wikipedia und „zuverlässige“ Quellen

Eine Erkenntnis aus den #TwitterFiles ist, dass Bundesbehörden und Geheimdienste darüber entschieden haben, welche Informationen auf Twitter unterdrückt und welche verbreitet werden konnten – und dass auch andere Medien und soziale Netzwerke hiervon betroffen sind. Das Schema dieser Zensur ist offensichtlich: Als „zuverlässig“ gelten solche Quellen, die in Bezug auf das Narrativ „auf Linie“ sind bzw. die dieser Art behördlicher und geheimdienstlicher Kontrolle unterstehen. Wer unabhängig ist und frei berichten kann, kommt nicht in den Genuss eine „zuverlässige“ Quelle zu sein – insbesondere wenn Aussagen getätigt werden, die zwar richtig sind, aber dem Narrativ widersprechen. Damit verbunden ist die Nicht-Existenz dieser Aussagen auf Wikipedia und damit ihr Zugang zu einem größeren Publikum.

Die „Unauffindbarmachung“ von Informationen ist seit Corona eine übliche Strategie der Zensur. Politik und Medien pflegen dazu einen bemerkenswerten Doppelstandard.

Entfernen von Inhalten und Blocken von Nutzern sei „digitales Hausrecht“ (Quelle)

Beispielsweise schrieb die ARD im Jahr 2017, dass dies gar keine Zensur sei, sondern unter eine Art „digitales Hausrecht“ falle. Nach der Übernahme von Twitter durch Musk und der Veröffentlichung der #TwitterFiles war von diesem „digitalem Hausrecht“ allerdings keine Rede mehr: Aus der EU kamen sogar Drohungen, nachdem Nutzer gesperrt wurden, welche u.a. den Live-Standort von Musks Flugzeug öffentlich teilten, sodass der Milliardär mit seinem Sohn am Ende sogar von Vermummten im Auto verfolgt wurde.

EU droht mit Sanktionen wegen Sperrung von Nutzern (Quelle)

UN Generalsekretär António Guterres ließ gar verlautbaren er sei „sehr verstört“ über die Sperrung und nannte den Schritt „willkürlich“. Entgegen dieser Verlautbarung und auch entgegen der Behauptung der ARD, die Sperrung sei „unbegründet“, ist derartiges „Doxxing“ allerdings gemäß den Twitter-Regeln bzw. dem von der ARD herbeizitierten „digitalen Hausrecht“ tatsächlich untersagt:

Doxxing und die „Twitter Regeln“ (Quelle)

Für Wikipedia dürfte die ARD eine „zuverlässige“ Quelle darstellen, was bedeutet, der Übernahme obiger Falsch-Information („unbegründete Sperrung“) stünde wohl nichts im Wege. Dieser Artikel dürfte hingegen wohl kaum Einzug in die „freie Enzyklopädie“ finden.

In der englischsprachigen Fassung von Wikipedia existiert inzwischen ein umstrittener Artikel zu den #TwitterFiles. Leser kritisieren in der Art der dortigen Abhandlung des Themas einen „Bias“ und den Versuch des „deutlichen Herunterspielens“ der Bedeutung. Dies geht aus der Diskussion der Artikels hervor. Konkret würde der Beweis, dass es Absprachen zwischen Social Media Konzernen und Regierungen gibt, verfälscht und heruntergespielt als eine „angebliche“ Beteiligung des FBI. Im Rahmen der #TwitterFiles sind aber inzwischen zahlreiche Dokumente veröffentlicht worden, welche in Menge und Inhalt die Rolle und Beteiligung des FBI beweisen.

Auszug der #TwitterFiles (Quelle)